Florian Ceynowa: Die Germanisierung der Kaschuben

Schlagwörter: , , — Marek Kwidzinski @ 21:55 23 September 2008

Dr. Florian Ceynowa (1817 - 1881)

Dr. Florian Ceynowa (1817 - 1881)

Die Germanisierung der Kaschuben.

Von einem Kaschuben.

Die Kaschuben, ein Zweig des grossen slavischen Volksstammes, bewohnten in den ältesten Zeiten die ganze Ebene längs der Ostsee zwischen der Oder und Weichsel bis an die Netze und Warthe. Schon mit der Einführung des Christenthums kamen die ersten Anfänge fremder Sprache und fremder Sitte in das Land. Die Verkündiger des neuen Wortes Gottes waren aus dem Westen; ihre Kenntniss der Sprache des Volkes in der Regel eine nur spärliche, jedenfalls aber der Gebrauch derselben eben so schwierig als lästig. Wen könnte es wundern, dass ein Jeder von ihnen entweder die Sprache der Kirche, oder seine Muttersprache zu verbreiten suchte. Bei vielen
geschah dies gewiss aus Noth, und. ohne politische Absicht, wenn gleich letztere auch schon in den ältesten Zeiten hie und da hervorleuchtet. Nach Kanzow fragten die Bürger von Stettin den heiligen Otto: warum sie doch so einen neuen Glauben annehmen sollten? Ob sie es darum thun sollten, dass sie den andern Christen gleich wurden? Das wollten sie gerne thun, wenn sie mit ihnen gleiche Freiheit geniessen möchten; aber dass sie frömmer daraus werden sollten, das glaubten sie nicht, weil sie sahen, dass unter den Christen grössere Laster waren, denn unter ihnen, namlich Raub, Mord, Dieberei, Lügen und Trügen, ja auch so grosser Uebermuth, Hofarth und Ehrsucht dass sie oft ihren Glauben selbst darum verachteten und schmäheten; solchen Glauben begehrten sie nicht. Ihnen bedünkte, dass man ihr Christenthtum nur darum so ängstlich suchte, dass man sie desto besser unter Dienst und Schatzung haben möchte. – Und an einer andern Stelle sagt derselbe Geschichtsschreiber:

„Herzog Schwantepolck stiftet das Abtkloster Buckow und besetzt es mit deutschen Mönchen. Dasselbige hat den Hinterpommern, als sie noch wendisch waren und keine Deutschen zu sich einstatten wollten, sehr verdrossen und sind aufrührisch geworden und haben die Mönche verjagt und das Kloster niedergebrochen. Denn sie sahen, dass die Sachsen, so in Vorpommern gekommen, so übermüthig und unbillig gegen ihre Landsleute, die Wenden, handelten, dass sie dieselben nicht allein von allen Aemtern und Würden stiessen, sondern auch gar aus den Städten und Dörfern verdrängten.“ Neben der Geistlichkeit trug auch die weltliche Macht nicht wenig zur Germanisirung der Westkaschuben bei. „Kaiser Heinrich (IV.) hat die pommerschen Fürsten zu sich ins Lager von Lübeck im J. 1181 verschrieben und sie zu Herzögen des heiligen römischen Reichs gemacht und unter das Reichs-Pannyr belehnet und sie darauf herrlich beschenkt und sich mit guten Worten und vielen Vertröstungen sehr gnädig erzeiget. Also sind die Fürsten von Pommern voller Vertröstung und mit prächtigen Namen und Titeln wieder weggezogen und sind von dieser Zeit Herzöge gewesen. Aber es ist eine sehr geringe Ehr gegen die Freiheit, die sie dagegen übergeben haben. Zuvor sind sie Niemandem unterthan gewesen und haben geherrscht und gewartet nach ihrem eignen Willen.“ Hierauf sah sich Kasimir, der nach dem Tode seines Bruders Boguslaw allein Herzog von Vorpommern blieb, genöthigt, seine beiden Söhne Boguslaw und Kasimir dem Bischof zu Mekelnburg, Berno, zu übergeben, „damit er sie in Gottesfurcht erziehen und die deutsche Sprache lehren möchte, damit sie desto besser möchten zum Regiment dienen, und von den Deutschen mehr geachtet werden, denn zuvor.“ Kaum hatte man so durch glänzende Vorspiegelungen die Fürsten verleitet, den alten Sitten ihrer Vorfahren untreu zu werden, ihre Muttersprache zu verlassen, so trieb man die Sache weiter. Durch falsche Versprechungen wurden sie zum Kriege verlockt und tückisch im Stiche gelassen. Kaiser Friedrich Barbarossa fordert den Herzog Boguslaw zu einem Kriegszuge nach Dännemark gegen den König Kanut auf, verlässt ihn aber dann, und der Herzog verliert nicht nur seine fünfhundert Schiffe mit der gesammten Mannschaft, sondern
muss auch noch der gänzlichen Ausplünderung und Verwüstung seines Landes zusehen, grosse Schatzung geben und endlich zusagen, niemals gegen die Krone von Dännemark, die Fürsten von Rügen und ihre gewonnenen Städte zu handeln. „Es ist aber, sagt Kanzow, sein wendisch Volk so sehr in diesen Kriegen erschlagen und ausgerottet, dass das Land gar wüste und öde ward, und er wiederum zur Besetzung des Landes hat müssen Sachsen und Fremdlinge hereinfordern und ihnen die Städte und Dörfer eingeben. Daraus sieht man, was Böses der Krieg trägt, dadurch das Volk nicht allein arm und elend, sondern auch oft in Grund vertilgt und ausgerottet wird und einem andern seine Stelle gönnen muss, dem es sie nie gegönnt hat und das sie fortan noch das unterdrückt und vertilgt; wie denn auch unsern armen Wenden von den Sachsen widerfahren. – Diese haben die Städte in eine bessere Gestalt und Höfflichkeit gebracht und haben die Wenden so gar verachtet, dass sie sie neben sich nicht haben leiden wollen und in keine Gylde und Werke gestatten. Darum sind sie
aus den Städten bald ausgerottet und nur in den Dörfern geblieben, da man sie eine Zeitlang zur Bauung des Landes gelitten, aber die Länge auch in Vorpommern ganz und gar ausgerottet hat. – So sind dieser viele zu den Hinterpommern geflogen und haben ihnen ihr Leid geklagt, die es ein Mitleiden gehabt und derselben wegen den Vorpommern sehr feind geworden sind und dernachmals wenig Gunst und
Freundschaft haben halten wollen, und haben von dieser Zeit an die Pommern nur Teutsche und Sachsen geheissen und haben sie für ihre Landsleute nicht mehr halten wollen; daraus auch hernachs gekommen, da ihre rechte Herrschaft loss starb, dass sie viel lieber einen Polen annehmen, als ihre Erbherrschaft, die Herzoge in Pommern.“ Dies war die Art und Weise des Mittelalters, die westlichen Kaschuben zu germanisiren. Nicht sehr verschieden hievon ist die Germanisirung der Ostkaschuben in der neuesten Zeit. Da sich die meisten östlichen Kaschuben zur katholischen Kirche bekennen, so müssen wir als ihr geistiges Oberhaupt den Bischof von Kulm Dr. Anastasius SedIag ansehe , dessen ganze Ansicht vom Slaventthum in den wenigen Worten, die er in einer seiner Vorlesungen über Geschäftsstyl vor den Klerikern aussprach, sich kund giebt. „Wenn Sie, sagte er , an das Generalvikariatsamt oder an mich schreiben, so thun Sie es ja deutsch oder ausnahmsweise lateinisch, aber niemals polnisch, denn so, spricht ja jeder Bauer.“ Desshalb nimmt er am Liebsten seine deutschen Landsleute ins Klerikal-Seminarium nach Pelplin, obgleich ihm die Professoren der kath. theologischen Fakultät der Breslauer Universität schon öfters die Vorstellung machten, dass gerade diejenigen Studenten sich zu ihm begeben, welche in der stockdeutschen Heimath keine gute Aussicht, haben, welche so ziemlich einen Auswürf bilden, Solche Stockdeutsche schickt der Herr Bischof einem schrecklichen Plane gemäss sogleich nach ihrer Ordination auf ganz slavische Vikariat- und Pfarrstellen, ohne die geringste Rücksicht auf die Bitten noch weniger auf die Bedürfnisse der Gemeinden zu nehmen. So sind Weber in dem kaschubischen Sprengel Lauenburg und Hunt in dem polnischen Thoren Dekane.

Bei weitem besser handeln im Ganzen die evangelischen Geistlichen gegen ihre Gemeinden; allein die Anzahl derselben ist zu klein, die Kräfte zu schwach, um alle ihren Handlungen im Wege stehenden Hindernisse überwältigen zu können. Rühmlich ist die Aufopferung eines Mrongovius für seine Gemeinde in Danzig, löblich die Liebe eines Tomasius in Saulin (Kasch. Solno) zu seiner Kirche. Die Früchte ihrer Bemühungen sind noch immer sehr klein, weil der sonst so gerechte König, in dessen Adern slavisches Blut fliesst, zu wenig Aufmerksamkeit seinen slavischen Unterthanen zumal in Pommern und Westpreussen schenkt, und die deutschen Beamten aus allen Kräften darnach streben, die alten Einwohner in der Kultur nicht mehr sinken zu lassen, um dann das geistig und materiell verarmte Volk
leichter germanisiren zu können. Desshalb verfahren auch die weltlichen Behörden nicht weniger hart gegen die slavischen Seelsorger als das geistliche Oberhaupt. In einem Schreiben der königl. preussischen Regierung von Danzig an die kathol. Geistlichkeit wegen Revisionen der Kirchenrechnungen heisst es sub Nr. 4 hinsichtlich der in polnischer Sprache geführten Vermerke über Einnahme und
Ausgabe: „Auch dieses ist aus mehreren Gründen ganz unzulässig. Die Rechnungen, Rechnungsnotate, Belege (1) u.s.w. müssen deutsch geschrieben sein, und wird dieses den Herrn Pfarrern, die nach §. 627 Tit. II. pars 2 des A.L.R. zur Führung der Rechnungen in subsidiuin verpflichtet sind, leicht auszuführen, solche aber, die der deutschen Sprache nicht genug mächtig sind, zur Uebung (nicht schlecht!) sehr nützlich sein, um so mehr, da diese Sprache die vorherrschende und bei den Staatsbehörden die allein gebräuchliche ist, mithin von jedem Beamten mit Recht erfordert werden kann, dass er derselben ganz mächtig ist, sowie jeder Mann, der nur einigen Anspruch auf Bildung (?) machen will, in diesem Lande die deutsche Sprache zu schreiben und zu sprechen verstehen muss.“

Die unmittelbare Folge davon ist, dass die kathol. Seelsorger deutscher Zunge nicht nur bei der geistlichen, sondern auch der weltlichen Behörde allein Gunst und überall den Vorzug haben. In konsequenter Verfolgung dieses Planes werden den Slawen solche Stellen angewiesen, wo eine kleine Einnahme ist, und selbst da quält man sie mit deutschen Correspondenzen. Es giebt sogar einzelne Geistliche, die in der Jugend keine Gelegenheit hatten, deutschen Unterricht zu bekommen, und nun natürlich nicht im Stande sind, den verschiedenen Anforderungen Genüge zu thun; diese müssen sich nur um des Deutschen willen einen deutschen Gehülfen halten, der des Vorzugs sich bewusst, den er bei den Behörden bekommt, seinen Vorgesetzten durch die stete Besorgniss, er könnte ihn bei der deutschen Behörde in ungünstiges Licht setzen, von sich abhängig macht. Nicht minder schlecht ist das Schulwesen in der Kaschubei
bestellt Im Kösliner Regierungs-Departement, wo in den Kreisen Lauenburg, Bütow, Stolpe, Rummelsburg und Neu-Stettin wenigstens 40,000 Kaschuben wohnen, sowie im Danziger Regierungs-Departement, wo die Deutschen höchstens den vierten ‚Theil der Bevölkerung ausmachen, giebt es in den Schulseminarien eben so wenig einen Lehrer für die slawische Sprache, wie an dem Klerikalseminarium in Pelplin oder an den betreffenden Gymnasien. Um aber auch noch den Fruchtkeim einer etwa aufkommenden Selbstausbildung in diesem Gebiete im Vorhinein zu vernichten, vergisst man nicht, den angehenden Schullehrer noch vor der Leistung des Eides mit dem Plane der Behörde aufs Genaueste bekannt zu machen; denn man weiss ja, dass gewiss nur selten Einer seine ganze Existenz, seinen ganzen Lebensplan hinopfern wird, wohl wissend, dass zwanzig deutsche Jünglinge darauf harren, an seine Stelle. zu treten, die dann der Sache nur desto grösseren Schaden bringen; man weiss ja, dass selbst der eifrigste Freund seiner Nation immer noch, selbst unter dem schweren Drange noch hofft, wenigstens etwas für sein Volk thun zu können, da er ja den ganzen Umfang dieses Dranges nicht zu übersehen vermag. Wenn daher auch einer oder der andere unter. diesen jungen Männern von Geburt ein Slave ist, so wird er schon durch diese Maassregeln so sehr eingeschüchtert, seiner Muttersprache so sehr entfremdet, bekommt einen so falschen Begriff von seinem eigentlichen Berufe, dass er erst spät oder wohl gar nicht zu der Einsicht gelangt, dass seine Bestimmung vernunftgemäss keine andere sein kann, sein darf, als die: die Kinder seiner Schule zu lehren, zu bilden, zu erleuchten. Denn diesen Weg zeigt ihm weder die unterm 25.
Juni 1834 erlassene „Instruction zum Unterricht in der deutschen Sprache bei Schulsozietäten fremder oder gemischter Zungen“, noch das hiezu im August 1837 erschienene Supplement, welche beide, man mag sagen was man will, die Schule zur Verbreiterin der deutschen Sprache missbrauchen. Bei so bewandten Umständen ist natürlich an einen Fortschritt in der Bildung des Volkes gar nicht zu denken. Die
Früchte eines solchen unglückseligen Dorfschultunterrichts sind leider gewöhnlich die, dass nicht nur die besten Jahre der Jugend verloren geben, sondern dass dieselbe oft noch auf den schrecklichen Gedanken geführt wird, dass alles, was ihre Eltern thun, Unsinn sei, dass ihre Sprache die grösste Verachtung verdiene, dass man ihre Frömmigkeit und die Art ihrer Gottesverehrung verlassen müsse. Nur zu klar, nur zu deutlich prägen sich diese Gedanken in den Handlungen der heranwachsenden Generation zum grössten Schmerze der Eltern und Verwandten, zum wahren Unglücke der Mitmenschen und der Nachwelt aus. Die Gotteshäuser werden leerer, die Gebetbücher seltener, das Singen andächtiger Lieder nimmt ab; dafür aber wächst das Lärmen in den Brandweinhäusern, und alle Laster breiten sich mit reissender Schnelligkeit aus; denn die edelsten Gefühle sind dahin, und nichts hat man an ihre Stelle gesetzt, als ein Paar armselige Wörter aus einer fremden Sprache, deren Geist man nie aufzufassen vermag, deren Bildung und beseligende Kraft man nie an sich zu
erproben im Stande ist.

Während nun so in der Jugend jeder Keim des Besseren ungepflegt abstirbt, während sogar jedes von selbst erwachte edlere Gefühl erstickt wird, lässt man auch das gesetztere Alter nicht unberührt von dem zersetzenden Einflusse. Männer und Greise müssen sich es gefallen lassen, dass ihnen die Aussprüche der Gerichtsbehörden ganz unverständlich bleiben, und sie nicht selten Strafen bezahlen
müssen, deren Ursache ihnen unerklärlich ist. Der Grund davon liegt an den Dolmetschern. Im Kösliner Regierungs-Departement hat man nämlich bei den Gerichten gar keinen solchen, und im Danziger Regierungsbezirk sind sie hin und wieder so schlecht, dass sie selbst nicht verstehen, was sie übersetzen. So übersetzte einmal ein solcher in Neustadt (W.Pr.). „,Die Kosten sind niedergeschlagen“ ins
Kaschubische: Koeszsa sa, na zemia rzurone d. h. die Kosten sind auf die Erde geworfen. Und ungeachtet der Bauer mehremal sein „Co panie?“, – was mein Herr? – wiederholte, so bekam er doch nichts weiter zu hören. – Wie könnte man hier wohl noch von einer schriftlichen, verständlichen, in der Volkssprache abgefertigten Uebersetzung der Gerichtsschriften und dgl. sprechen wollen. Aber man sorgt von der
Regierung aus für die Verbreitung der Kenntniss des Gesetzes; man schickt deutsche Amtsblätter, Kreisblätter u.s.w. dem Schulzen und Krüger zu und lässt die Kosten dafür die Gemeinde tragen. Nun, ich frage jeden Menschen in der Welt, was nutzen Gerichte, was nutzen dem Volke gedruckte Anzeigen von Verordnungen, Gesetzen u.s.w., wenn die Sprache, in der sie geschrieben, denselben unverständlich ist?

So also geht man noch heutigen Tages mit allen Waffen darauf los, die Ueberreste der alten Bewohner der Kaschubei auszurotten, indem man sie, wenn auch nicht mehr körperlich, so doch wenigstens geistig tödtet. Und eine solche Erscheinung im XIX. Jahrhundert! Man erwiedere mir nicht, der Zweck des Staates gebiete es mit Nothwendigkeit! Welcher Zweck ist erhaben genug, um die Barbarei eines
Nationalmordes zu rechtfertigen? Welcher Zweck gross genug, um ein solches Mittel zu heiligen? Aber man glaubt ja sogar schon, das Werk vollbracht zu haben; mit Wonnegefühl rufen uns deutsche Zeitschriften und Broschüren entgegen: „Sie sind germanisirt!“ – Was soll man dazu sagen? – Ist das der wahre Patriotismus Deutschlands? Das die Wirkung der deutschen Nationalbestrebungen? – Wir glauben
es nicht! – Es sind das die Stimmen einzelner Schreier! Die deutsche Nation in ihrem edleren Kerne weiset sie von sich, und das ist unsere Zuversicht! – Jenen Schreiern aber rufen wir nichts als Körner’s wohlzubedenkende Worte zu:

Unsere Sprache ward geschändet,
Unsere Tempel stürzten ein.

C. F.

Florian Ceynowa: Die Germanisierung der Kaschuben, Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. I. Jahrg. 1843